Theater Konstanz: Protest gegen Sorokin-Lesung angekündigt
Jessica Cortez
22. Februar 2023. Für kommenden Samstag, den 25. Februar 2023, ist ein Protest gegen das Festival "Let's Ally: Recht auf Frieden" am Theater Konstanz angekündigt. Grund ist die Einladung des russischen Autors Vladimir Sorokin zu einer Lesung seiner Groteske "Das weiße Quadrat". Der Protest werde aktuell von 30 überregional vernetzten Aktivist:innen getragen, teilt die ukrainische Initiatorin Diana Kostenko auf Nachfrage von nachtkritik.de mit.
Diana Kostenko studiert an der Universität Konstanz Biologie und hat am Theater Konstanz im November 2022 ihr eigenes Projekt "Dialog über Sprachen, Patriotismus und Sex" realisiert. In einem Offenen Brief legt sie ihre Gründe für den Protest dar. Darin heißt es unter anderem: Das Theater Konstanz verwende den tragischen Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine "als Werbeträger, um ein russisches Buch über Russland eines russischen Autoren zu bewerben. Unabhängig davon, wovon dieses Buch handelt, benutzt das Theater ukrainische Opfer und Tote, um die Popularität russischer Kultur noch weiter zu stärken."
Der Schriftsteller Vladimir Sorokin ist ein prominenter Kritiker des Putin-Regimes und lebt seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Exil in Berlin. Zu seiner konkreten Rolle erklärt Kostenko auf Nachfrage von nachtkritik.de: "Jahrzehntelang wussten die Menschen nichts über die Ukraine, weil Russland alle unsere Versuche, unsere Kultur zu zeigen, blockiert und sie als unsere eigene bezeichnet hatte – ein klares Beispiel für kulturelle Aneignung. Auf diese Weise hat Russland die ganze Welt davon überzeugt, dass es uns nicht gibt." Es gehe in ihrem Protest "also nicht um Herrn Sorokin selbst oder seine Erzählungen über den russisch-ukrainischen Krieg. Die Frage ist, warum die ganze Welt ihre Stimme über die der anderen stellt. Warum hat die westliche Gesellschaft uns nie zugehört? Warum wollte die westliche Gesellschaft immer russische Stimmen auf ihren Bühnen haben?"
Das Theater Konstanz reagiert auf den Offenen Brief in einer eigenen Stellungnahme: "Das Theater Konstanz verurteilt den russischen Angriffskrieg. Wir geben ukrainischen Künstlerinnen eine Stimme. Wir möchten mit Kunst den gesellschaftlichen Dialog befördern. Und stehen für das Menschenrecht auf Frieden ein", heißt es darin. "Wir versuchen mit unserem künstlerischen Programm ein breites Publikum anzusprechen, Grenzen abzubauen, anstatt sie zu errichten. Daher gibt es an diesem Wochenende Vorstellungen mit englischen Übertiteln, Redebeiträge in ukrainischer Sprache, ein Gespräch in russischer Sprache mit deutscher Übersetzung." Vladimir Sorokin sei einer "der schärfsten und profiliertesten Kritiker des Putin-Regimes", die Textauswahl für seine Lesung "fiel bewusst auf diese Mediensatire, da sie die politische Propaganda Putins aufdeckt".
Werke von Vladimir Sorokin werden des öfteren an deutschsprachigen Bühnen aufgeführt, zuletzt etwa am Schauspielhaus Graz (Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs in der Regie von Blanka Rádóczy) oder am Staatstheater Mainz (Ljod – Das Eis – Die Trilogie in der Regie von Jan-Christoph Gockel). Seine Groteske "Das weiße Quadrat" hat Sorokin dem zur Entstehungszeit unter Hausarrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikow gewidmet.
(chr)
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